Cupido

Er war blind für seine Chance,
sie liebte ihn ganz,
mein Onkel H.
in der Falle der Arroganz.

Sie war Lehrerin,
er kam vom Handwerk,
was also den heutigen
Proletarier ausmacht.

Abgrundtief
sind die Klassengegensätze,
Charakterschwächen
bestimmen unser Leben.

Die Gegenstände sind sensibel,
es gab Fleisch und Klöße und Kraut,
sie vertilgte jeden Krümel,
es war sauber diese Frau.

Wir saßen an einem runden Tisch,
ich war klein,
mein Blick fiel auf ihren Schoß,
ihre Schenkel waren groß.

Das sollte eine Einladung sein,
um sich kennenzulernen,
mein Onkel saß steif
und starrte in die Leere.

Er war nicht gewachsen
der Konversation,
dem Tisch-Ritual,
das wussten wir schon.

Es war eine Empfehlung,
der Versuch war es wert,
das Handwerk zu stärken
mit etwas Verve.

Der Versuch ist gescheitert,
die Liebe zerbrach,
die Frau war gescheiter,
ich sah ihm das nach.

Solche Proletarierehen
fanden vielfach statt
nach 1949,
der DDR-Staatsgründung.

Schriftsteller und Künstler
ab in die Produktion,
der Westen war weiter
aufgrund seiner Protektion.

Durch den Marschall-Plan,
den fassten alle an
aus der Nazi-Vergangenheit
im Glauben daran.

Dass der Fortschritt etwas bringt,
bestimmt seither die Ideologie,
Wachstum um jeden Preis
kommt mir trotzdem nicht in den Sinn.

© Johannes Lichteruh, 2019

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