Perspektiven

Selbst wenn der ganze Schnee verbrennt,
die Asche bleibt uns doch,

sagte meine Mutter
gelegentlich,
und meinte mich.

Sie wollte mich nicht,
sie mochte mich nicht
wirklich.

Der Deutschlandhasser
im Gesicht,
ihr Kind.

Sie war gemütlich
und lebte gerne
eben deutsch.

Eben Deutsche,
ich wollte ihr folgen
nicht.

Aber sollte,
Erziehung verpflichtet
mich nicht,
das geht zu weit.

Wir beide sind entzweit
schon lange Zeit,
seit wir uns trennten
und getrennte Wege gingen,
Deutschland am Scheideweg
im Gemüt.

Ja, genau, daran scheitert es
regelmäßig,
an meinem Gemüt,
aus dem ich spreche, lebe,
das nicht deutsch ist,
eher arabisch
muslimisch.

Deshalb bin ich hier
in Ägypten
glücklich
zur Zeit,
und bereit zu sterben.

Hier
in der Wüste,
wo kein Grab notwendig ist.

Der Sand geht darüber,
er trocknet mich,
ich durste nicht
trotzdem.

Das Wasser im Gesicht
der Kindheit,
der Tränen,
der Tränenbäche
über mein Unglück
der Geburt,
der Tränenströme
wahrlich.

Ich mach ihr keinen Vorwurf,
meiner Mutter,
sie kann nicht dafür,
es ist kosmogonisch
metaphysisch
zwischen meiner Seele
und ihrer.

Ich bin nicht glücklich
darüber,
wenn ich daran denke,
es gibt bessere Lösungen,
von denen ich nicht weiß
allerdings.

Im Gänsemarsch
auf die Folterbank
der Geschichte,
aber sehe ich meine Inkarnation an,
wird mir schlecht.

Auch
der Bauch kräuselt sich,
nicht nur aus Altersgründen,
auch aus Schmerzen,
die kriechen in dem Bauch
inwendig
bis zum Hals herauf.

Die großen Vogelrennen
gewannen wir nicht,
das Dickicht war zu dick,
die Haare zu kraus,
der Kopf auch,
in dem es gedeiht,
das Ungewissen.

Der Glaube der alten Frauen
und das Unglück,
Tränen
netzen die Haut,
ginge zu weit?

Ich bin bereit, daran zu sterben,
kurz gedacht
Strickmuster.

Meine Mutter
über Nacht
liebgehabt,
muss ich wissen
spät
hellsichtig.

Und habe gelacht,
mich gefreut,
was die Liebe ausmacht,
aushält.

Die Mutterliebe,
sie erreichte mich doch
noch
spät.

Verpasst
zu Lebzeiten
Genugtuung.

Für mich
jetzt
zu spät.

Das ist ein reicher Schatz
an Emotionen,
woher soll ich sie jetzt holen,
wenn nicht aus der Vergangenheit?

Die Libido
kann man nicht mehr nachholen,
nur erinnern.

Sie ging verloren
im Strudel des Lebens geboren,
und großgeworden
bin ich ohne sie.

Psychologie,
die mich ehrt
als einer, der darüber hinweggekommen ist,
ohne Liebe der Mutter.

Das macht meine Kälte aus
gegenüber den Menschen,
sie merken es
und meiden mich.

Auch, weil du es so dunghaft vorträgst,
so schlimm war es nun auch wieder nicht,
deine Kindheit.

Wir erinnern dich
an deine Schwester,
euer Spiel
im Schilfdickicht
am Ostorfer See.

Das Schloss war in der Nähe,
schön
Schwerin.

Du musst nicht dein schwarzer Gegner sein,
der dunkle,
dein Schatten selbst.

Das kommt einer Selbsterniedrigung gleich,
meine Seele sei kaputt,
sagst du.

Aber das stimmt nicht,
richte sie auf,
dich.

Es ist wirklich schlimm mit dir,
das Selbstbewusstsein fehlt,
das tut der Umwelt weh,
keiner Umwelt von dir.

Einmal abkotzen und zurück,
dein Geschick,
schon dafür bringst du das richtige Temperament mit.

Du leidest,
glaube mir,
das ist schön
zu wissen.

Ich danke dir,
das hilft mir
zu wissen,
ohne Leid keine Genesung,
kein Genesen.

Du kriegst nur ein mageres Video zusammen von deinem Leben,
und ich sehe alles von deinen Taten
ungeschminkt
und schön.

Das ist Dichtung vom Feinsten,
und den kleinsten Nenner
zwischen mir und dir
nenne ich Gottglauben.

© Johannes Lichteruh, 2021

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